Vollauszug vs. Teilauszug — wann lohnt sich der Aufpreis für die Schublade?

Ein Vollauszug lässt sich zu 100 % aus dem Korpus ziehen, während ein Teilauszug bei etwa 75 % stoppt.

Bei der Konstruktion von Schubladen oder dem Bau von Werkstattmöbeln stellt sich unweigerlich die Frage nach dem passenden Führungssystem. Die Wahl zwischen einem Teilauszug und einem Vollauszug entscheidet maßgeblich über den täglichen Bedienkomfort, die nutzbare Fläche und die statische Belastbarkeit des Möbels. Dieser technische Leitfaden schlüsselt die mechanischen Unterschiede auf und zeigt, für welche Konstruktionen welcher Beschlag die fachlich korrekte Wahl ist.

Was ist ein Teilauszug?

Ein Teilauszug ist eine Schubladenführung, bei der die Lade im vollständig geöffneten Zustand teilweise im Korpus verbleibt. Der Auszugsweg ist kürzer als die Nennlänge der Schiene. In der Regel liegt der Auszugverlust bei etwa 20 % bis 25 %. Bei einer Schienenlänge von 400 mm lassen sich also nur rund 300 mm herausziehen.

Technisch wird dies meist durch eine simple Rollenführung (mit Kunststoffrollen) oder eine einfache, zweigeteilte Kugelführung realisiert. Diese Systeme bestehen aus einem Korpuselement und einem Schubladenelement. Sie sind mechanisch unkompliziert aufgebaut und weisen eine geringere Einbautoleranz auf.

Was ist ein Vollauszug?

Ein Vollauszug ermöglicht es, die Schublade über ihre gesamte Tiefe aus dem Schrank herauszuziehen. Der Auszugsweg entspricht exakt der Nennlänge der Schiene. Dies wird durch ein dreiteiliges Teleskopsystem erreicht: Neben dem Korpus- und dem Schubladenprofil gibt es ein drittes Mittelprofil, das den zusätzlichen Weg überbrückt.

Diese Konstruktion findet sich fast ausschließlich als Kugelführung oder als verdeckte Führung unter dem Schubladenboden. Durch die aufwendigere Mechanik sind diese Schubladenschienen als Vollauszug massiver gebaut und können statisch höhere Hebelkräfte aufnehmen.

Die technischen Unterschiede im Detail

Um die richtige Wahl für das jeweilige Projekt zu treffen, müssen die mechanischen Eigenschaften beider Systeme verglichen werden.

  • Zugänglichkeit und Ergonomie: Wie bei einem Eisberg bleibt beim Teilauszug ein Viertel der Schublade im Verborgenen. Gegenstände im hinteren Bereich sind schwerer zu greifen. Ein Vollauszug bietet uneingeschränkten Zugriff von oben auf das gesamte Staugut.
  • Tragkraft und Stabilität: Teilauszüge sind meist für Standardbelastungen von 15 kg bis 25 kg ausgelegt. Durch das dreiteilige Profil können Vollauszüge deutlich mehr Gewicht aufnehmen. Für Werkzeugschränke oder tiefe Topfschubladen greift der Monteur auf Schubladenschienen für Schwerlast zurück, die Tragkräfte von 45 kg, 80 kg oder sogar über 100 kg bewältigen.
  • Einbaumaße: Seitliche Kugelführungen benötigen in der Regel ein Einbauspiel von 12,7 mm (pro Seite) zwischen Schubladenseite und Korpusinnenwand – unabhängig davon, ob es sich um einen Teil- oder Vollauszug handelt. Die Bauhöhe der Schiene ist beim Vollauszug jedoch oft größer (z. B. 45 mm statt 35 mm oder 27 mm), was bei der vertikalen Rasterplanung der Schubladen beachtet werden muss.
  • Mechanische Komplexität: Der Teilauszug lässt sich durch Anheben der Schublade meist sehr einfach aushängen. Beim Vollauszug mit Kugelführung muss in der Regel ein kleiner Hebel am Schubladenprofil gedrückt werden, um die Lade von der Schiene zu trennen.

Für welchen Fall eignet sich welches System?

Die Entscheidung hängt von der Schubladentiefe, dem geplanten Inhalt und dem Budget ab.

Wann ein Teilauszug ausreicht

Der Teilauszug spielt seine Stärken bei geringen Korpustiefen und leichten Belastungen aus. Bei einem kleinen Nachttisch mit Schubladenschienen in 250 mm Länge fällt der Auszugverlust von wenigen Zentimetern kaum ins Gewicht. Auch für einfache Büromöbel, leichte Kommoden oder bei Projekten, bei denen strenge Budgetvorgaben herrschen, ist eine klassische Schubladenschiene mit Rollenführung oft völlig ausreichend.

Wann ein Vollauszug zwingend erforderlich ist

Sobald die Schublade tiefer wird oder schweres Gut aufnimmt, ist der Vollauszug die fachgerechte Lösung. In der Küche sind Schubladenschienen in 500 mm oder Schubladenschienen in 600 mm der Standard. Wäre hier ein Teilauszug verbaut, käme man an die hinteren Töpfe oder Vorräte nicht heran. Gleiches gilt für Werkstattwagen oder tiefe Auszüge unter dem Bett. Auch bei Hängeregistraturen im Büro ist ein vollständiger Auszug zwingend nötig, um die hintersten Akten entnehmen zu können.

Zusatzfunktionen: Dämpfung und grifflose Öffnung

Unabhängig von der Auszugslänge lassen sich moderne Führungssysteme mit mechanischen Zusatzfunktionen ausstatten. Es ist wichtig, diese beiden Mechanismen nicht zu verwechseln, da sie gegensätzliche Aufgaben erfüllen:

  1. Soft-Close: Hierbei handelt es sich um eine Dämpfung. Beim Schließen der Schublade greift ein Federmechanismus das Profil auf den letzten Zentimetern, bremst es ab und zieht es sanft und geräuschlos in den Korpus. Schubladenschienen mit Dämpfung sind der heutige Standard im gehobenen Möbelbau.
  2. Push-to-Open: Dieser Mechanismus kommt bei grifflosen Fronten zum Einsatz. Ein Druck auf die Front löst eine gespannte Feder, welche die Schublade ein Stück aus dem Korpus drückt. Schubladenschienen mit Push to open erfordern eine präzise Einstellung des Frontspalts (meist 2 mm bis 3 mm), damit der Auslöseweg gewährleistet ist.

Montagearten: Seitlich vs. Unterflur

Während klassische Rollen- und Kugelführungen seitlich an der Schublade montiert werden, setzen Schreiner im hochwertigen Innenausbau zunehmend auf verdeckte Systeme. Unterflurführungen für Schubladenschienen werden, wie der Name sagt, unter dem Schubladenboden montiert.

Der Vorteil: Wenn man die Schublade öffnet, ist seitlich keine Metallmechanik sichtbar, sondern nur das Material der Zarge (Holz oder Dekor). Unterflurführungen gibt es sowohl als Teil- als auch als Vollauszug. Sie erfordern jedoch eine spezifische Konstruktion der Schublade (die Seitenwände müssen nach unten über den Boden hinausragen, um die Schiene aufzunehmen).

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann ich einen Teilauszug problemlos gegen einen Vollauszug tauschen?

Ja, in den meisten Fällen ist das möglich, sofern das seitliche Einbaumaß übereinstimmt. Wenn die alte Führung ein seitliches Spiel von 12,7 mm erforderte, kann eine Kugel-Teleskopschiene mit demselben Einbauspiel nachgerüstet werden. Wichtig ist, dass die Korpuslochung (oft im System 32 gebohrt) zu den Befestigungspunkten der neuen Schiene passt.

Welche Länge muss ich bei der Schiene wählen?

Die Nennlänge der Schiene richtet sich nach der Tiefe der Schublade (Außenmaß der Zarge). Ist die Schublade 400 mm tief, benötigt man Schubladenschienen in 400 mm. Die Schiene darf niemals länger sein als die lichte Korpustiefe im Schrankinneren.

Was ist der Unterschied zwischen Nennlänge und Auszugslänge?

Die Nennlänge beschreibt das Maß der zusammengeschobenen Schiene. Die Auszugslänge definiert den Weg, den die Schublade aus dem Korpus herausfährt. Beim Vollauszug sind beide Werte identisch. Beim Teilauszug ist die Auszugslänge kürzer als die Nennlänge.

Gibt es Vollauszüge, die sich weiter als 100 % ausziehen lassen?

Ja, es gibt sogenannte Überauszüge. Hierbei ist der Auszugsweg um einige Zentimeter länger als die Nennlänge der Schiene. Das wird genutzt, wenn die Schublade beispielsweise unter einer überstehenden Arbeitsplatte montiert ist und trotzdem von oben komplett frei zugänglich sein soll.

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