Teilauszug oder Vollauszug? Die richtige Länge für 400 mm bis 600 mm Schranktiefe

Ein Vollauszug lässt sich zu 100 % ausziehen, während ein Teilauszug konstruktionsbedingt nur rund 75 % der Schubladentiefe freigibt.

Bei der Planung von Korpusmöbeln, sei es in der Küche, im Büro oder in der Werkstatt, ist die Wahl der passenden Schienenführung entscheidend für die spätere Ergonomie und Belastbarkeit. Besonders bei gängigen Schranktiefen zwischen 400 mm und 600 mm stellt sich für den Schreiner und Monteur die Frage, welche Auszugsart und welche Nennlänge die technischen Anforderungen des jeweiligen Projekts am besten erfüllen. Dieser Ratgeber liefert die harten Fakten zu Maßen, Tragkräften und Systemkompatibilitäten, um die richtige Beschlagsauswahl zu treffen.

Die wichtigsten Kaufkriterien: Nennlänge, Tragkraft und Funktion

Die Spezifikation einer Schubladenschiene richtet sich nach der Geometrie des Korpusses und der geplanten Zuladung. Eine exakte Abstimmung dieser Parameter verhindert ein späteres Verkanten oder ein Versagen der Mechanik unter Last.

1. Nennlänge und Lichte Korpustiefe

Die Nennlänge der Schiene definiert die Einbaulänge im geschlossenen Zustand und entspricht in der Regel der äußeren Tiefe der Schublade. Die lichte Korpustiefe (das Innenmaß des Schrankes von der Vorderkante bis zur Rückwand) muss stets etwas größer sein als die Nennlänge der Schiene, um Platz für die Mechanik zu lassen. Als Faustregel gilt: Lichte Korpustiefe minus 3 mm bis 15 mm (je nach Schienentyp) ergibt die maximale Nennlänge.

2. Dynamische Tragkraft

Die Tragfähigkeit wird in Kilogramm angegeben und bezieht sich auf das Gesamtgewicht aus der Schublade selbst und dem geplanten Inhalt bei vollständig geöffnetem Auszug.

  • Standard-Schienen tragen meist 25 kg bis 35 kg.
  • Für Töpfe, Geschirr oder Aktenordner sind Ausführungen mit 45 kg erforderlich.
  • Im industriellen Bereich oder für schwere Maschinenkomponenten sind Schubladenschienen schwerlast mit einer Tragkraft von 80 kg, 130 kg oder mehr zwingend notwendig.

3. Bewegungsmechanismen: Dämpfung vs. Auswurf

Zusatzfunktionen erhöhen den Bedienkomfort, erfordern jedoch unterschiedliche technische Ansätze, die sich gegenseitig ausschließen.

  • Soft-Close (Dämpfung): Ein hydraulischer oder pneumatischer Zylinder bremst den Schwung der Schublade auf den letzten Zentimetern ab und zieht sie sanft und geräuschlos zu. Schubladenschienen mit dampfung erfordern einen klassischen Möbelgriff zum Öffnen.
  • Push-to-Open (Tip-On): Ein mechanischer Federspeicher wird beim Zudrücken gespannt. Ein leichter Druck auf die grifflose Front löst die Arretierung, und die Schublade wird ein Stück weit ausgeworfen. Schubladenschienen push to open sind die technische Lösung für grifflose Fronten. Eine Kombination mit einer Dämpfung ist bei rein mechanischen Systemen physikalisch nicht möglich, da der Federspeicher den Schwung zum Einrasten benötigt.

Typen und Führungsarten im Überblick

Die Art der Führung bestimmt die Laufeigenschaften und die Positionierung am Korpus. Für den Möbelbau sind drei primäre Systeme relevant.

Die Kugelführung

Diese Schienen bestehen aus ineinandergreifenden Stahlprofilen, in deren Flanken kleine Stahlkugeln in Kugelkäfigen laufen. Sie werden seitlich an die Schublade geschraubt oder in eine seitliche Nut gefräst (z. B. 17 mm Nut). Die Kugelführung zeichnet sich durch eine hohe Seitenstabilität und eine sehr exakte Führung aus. Sie ist in Längen von 250 mm - 800 mm und darüber hinaus erhältlich und bildet die Basis für die meisten Schwerlastanwendungen.

Die Unterflurführung

Hierbei wird die Mechanik unsichtbar unter dem Schubladenboden montiert. Die Schublade ruht auf den Schienen und wird meist über Kupplungen an der Front arretiert. Unterflurführungen Schubladenschienen bieten den Vorteil, dass die gesamte innere Breite des Korpusses für den Schubladenkasten genutzt werden kann, da seitlich keine Einbauluft für die Schiene abgezogen werden muss. Sie werden primär im gehobenen Möbelbau eingesetzt.

Die Rollenführung

Das einfachste System besteht aus epoxidharzbeschichteten Stahlprofilen, auf denen Kunststoffrollen laufen. Sie werden einseitig am Korpus und an der unteren Kante der Schublade verschraubt. Die Rollenführung ist robust, toleriert leichte Ungenauigkeiten beim Kastenmaß und hebt die Schublade beim Herausziehen am Ende leicht an (Selbsteinzug durch Gefälle). Sie ist fast ausschließlich als Teilauszug konzipiert.

Entscheidungshilfe: Welches System für welchen Fall?

Die Wahl zwischen den Auszugsvarianten hängt von der Zugänglichkeit und dem Verwendungszweck ab.

Wählen Sie einen Teilauszug, wenn:

  • Das Budget strikt begrenzt ist und eine einfache Montage im Vordergrund steht (z. B. bei einfachen Bürocontainern).
  • Die Schranktiefe gering ist (unter 400 mm) und der hintere Bereich der Schublade ohnehin leicht mit der Hand erreicht werden kann.
  • Es sich um flache Schübe für Stifte oder Besteck handelt, bei denen ein Verlust von 25 % der Auszugsweite die Entnahme der Gegenstände nicht behindert.

Wählen Sie einen Vollauszug, wenn:

  • Die Schranktiefe 450 mm, 500 mm oder 600 mm beträgt. Bei diesen Tiefen verschwinden bei einem Teilauszug bis zu 150 mm im dunklen Schrankinneren, was die Entnahme von Gegenständen massiv erschwert.
  • Töpfe, Küchenmaschinen oder schwere Werkzeuge gelagert werden. Der Schubladenschienen vollauszug ermöglicht das senkrechte Herausheben schwerer Gegenstände, ohne sie unter der vorderen Traverse des Korpusses hervorkippen zu müssen.
  • Eine maximale Übersichtlichkeit über den gesamten Schubladeninhalt zwingend erforderlich ist.

Einbau-Hinweise und Toleranzen

Die Montage von Auszugssystemen erfordert Präzision. Die Schublade verhält sich wie ein Kolben im Zylinder – ohne das exakt berechnete Spiel an den Flanken klemmt das gesamte System.

Bei seitlichen Kugelführungen beträgt die zwingend einzuhaltende Einbauluft (der Spalt zwischen Korpusaussenseite der Schublade und Korpusinnenseite) in der Regel exakt 12,7 mm pro Seite. Ist die Schublade auch nur 1 mm zu breit, laufen die Kugeln unter hohem Druck, was zum sofortigen Verschleiß der Kugelkäfige führt. Ist sie zu schmal, können die Schienen aushängen.

Für die Positionierung der Schrauben nutzen moderne Korpusse das System 32. Dieses standardisierte Rastermaß basiert auf Bohrungen mit einem Durchmesser von 5 mm und einem Lochabstand von 32 mm. Die Befestigungslöcher der meisten Beschläge sind exakt auf dieses Raster abgestimmt. Für die Befestigung im Holzwerkstoff (Spanplatte, MDF) eignen sich Euroschrauben (für 5 mm Bohrungen) oder klassische Spanplattenschrauben mit Senkkopf (Ø 3,5 mm oder 4 mm).

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann ich einen Teilauszug nachträglich durch einen Vollauszug ersetzen? Ja, das ist in der Regel problemlos möglich, sofern die neue Schiene die exakt gleiche Einbauluft (z. B. 12,7 mm bei Kugelführungen) verlangt wie das alte Modell. Die Nennlänge muss ebenfalls mit der Tiefe der Schublade übereinstimmen.

Welche Schienenlänge benötige ich für eine 450 mm tiefe Schublade? Sie benötigen Beschläge mit einer Nennlänge von exakt 450 mm. Die lichte Korpustiefe des Schrankes muss dabei mindestens 453 mm bis 455 mm betragen. Passende Modelle finden Sie im Bereich Schubladenschienen 450 mm.

Warum schließt meine Soft-Close-Schublade auf den letzten Zentimetern nicht mehr richtig? Dies ist meist ein Zeichen dafür, dass der Mitnehmer des Dämpfungszylinders auf der Schiene nicht mehr korrekt einrastet. Ursachen können Schmutz in der Mechanik, ein leicht verbogener Schienenkorpus durch Überladung oder eine fehlerhafte, nicht exakt parallele Montage der Schienen im Korpus sein.

Ab wann spricht man von einem Schwerlastauszug? In der Beschlagtechnik gelten Auszüge ab einer dynamischen Tragkraft von ca. 45 kg als verstärkt. Die reine Klassifizierung als Schwerlast beginnt typischerweise bei Modellen, die 80 kg, 130 kg oder bis zu 250 kg pro Paar aufnehmen können. Diese verfügen über dickere Stahlprofile und massivere Kugelkäfige.

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